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Georgenäum

„Pflanzstätte wahrer und vielseitiger Volksbildung“
 

Zur Geschichte des Georgenäums, Domizil der Aurelius Sängerknaben Calw

files/aurelianer/ort_2.jpgDie Glocken der in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen evangelischen Kirche läuten, durchs Fenster tönt Vogelgezwitscher. Im Nebenzimmer hat Mozart wie an allen Tagen seinen Auftritt, denn Gesangslehrer üben dort mit den Knabensolisten die Partien der „Zauberflöte“ ein. Bei einem Gang durch das Haus tönt aus jedem Zimmer Musik, Einsingübungen, Ausschnitte aus Arien, aber auch ganze Choräle und Motetten. Der Ort, an dem sich dies unter der Woche täglich zuträgt, ist das Georgenäum, seit dem späten 19. Jahrhundert ein Ort der Bildung und Kultur. Das Haus dient  heute vor allem den Aurelius Sängerknaben als Domizil und Übungsstätte.. Schon architektonisch ist das Gebäude ein besonderes: es unterscheidet sich mit seinem französischen Spät-Barock-Stil deutlich von den vielen Fachwerkbauten in Calw. Generalkonsul Emil von Georgii-Georgenau, der 1820 in Calw geboren wurde, und dessen Ehefrau Sophie Emilie ließen das stattliche Haus erbauen. Am 27. Mai 1871 konnte man dessen  Einweihung feiern. Im Folgejahr wurde ein Stiftungsvertrag zwischen den Georgiis und der Stadt unterzeichnet: nicht nur das Gebäude, sondern auch die Geldmitteln für den Unterhalt der Stiftung wollte das Ehepaar künftig bereitstellen, um so eine „Pflanzstätte wahrer und vielseitiger Volksbildung“ zu errichten, wie es im 1872 geschlossenen Stiftungsvertrag heißt. Die Institution, zu der auch eine öffentliche Bibliothek mit 745 Büchern und ein Vortragssaal gehörten, diente „vorzugsweise zur Fortbildung der Jugend“. Die Teilnahme an den Vorträgen war für Jungen und Mädchen ab 14 Jahren erlaubt, ein Novum der Zeit. Die Stifter gaben auf diese Weise Mädchen die damals seltene Möglichkeit zur außerhäuslichen Fortbildung. Ihre fortschrittliche Einstellung bewiesen die Georgiis auch, indem sie 1874 eine Frauenarbeitsschule im Georgenäum gründeten. Hier konnten Mädchen über die Volks- und Mittelschule hinaus praktisches und theoretisches Wissen für einen eigenen Beruf erwerben. Buchführung, Korrespondenz, kaufmännisches Rechnen und Wechsellehre standen ebenso auf dem Stundenplan wie praktische Anleitungen zum Weiß- und Kleidernähen, Sticken und Flicken. Erst in den 1960er Jahren machte die Frauenarbeitsschule dicht und überließ das Feld der Hauswirtschaftlichen Berufsschule.

Heute erinnert ein Gedenkstein am Eingang des Georgenäums an den Stifter, seiner Frau, die sicher maßgeblich Einfluss nahm, wurde keine solche Ehrung zuteil.

Zwei weiteren Persönlichkeiten des kulturellen Lebens begegnet man hier: An der Hauptfront sind zwei Bildsäulen angebracht, die der Bildhauer Bach schuf. Die eine zeigt den Dichter Friedrich Schiller, die andere den Reutlinger Volkswirtschaftler Friedrich List. An den Garten des Georgenäums schließt sich ummittelbar ein Park an, der sogenannte Stadtgarten. „Es ist dies ein reizender und ungemein anmutiger Park, der Lieblingsaufenthalt der Calwer Einwohner, die Kuranlagen der Stadt.“ 1871 pflanzte Emil Schüz,  Mediziner und Botaniker, Bäume aus aller Herren Länder, einheimische Arten ebenso wie Exoten, etwa Wellingtonien und Douglastannen und „schuf damit eine der ersten Naturlehrpfade überhaupt“. Natur und Kultur, Natur und Musik können sich hier stets aufs Neue begegnen –  zum Beispiel wenn Vogelgezwitscher und Gesangsübungen sich ein Stell-Dich-Ein geben.